up|unternehmen praxis

Kommentar

Richtige Fragen zum falschen Zeitpunkt

Die Physiotherapieverbände, die den Rahmenvertrag mit dem GKV-Spitzenverband seit über einem Jahr verhandeln, haben überraschend in den sozialen Medien eine „Blitzumfrage zur Termintaktung“ gestartet. Das Echo der Praxisinhaber ist verhalten, trotzdem machen alle mit. Auch Sie sollten daran teilnehmen.
© iStock: Anja W.

Der Zeitpunkt dieser Blitzumfrage wirft allerdings Fragen auf. Denn wenn man die Rauchzeichen aus Berlin richtig deutet, dann steht das Schiedsverfahren kurz vor der Entscheidung. Am 17.2. gibt es vermutlich ein Ergebnis. Dieses wird nicht vollständig im Sinne der Physiotherapiepraxen ausfallen. Ist die Blitzumfrage daher ein Versuch, auf den letzten Metern des Schiedsverfahrens noch zu retten, was zu retten ist?

Diese Frage stellen sich gerade ganz viele Kollegen und niemand hat darauf eine Antwort. Denn das „Schweigegelübde“ der Verhandler erlaubt es nicht einmal, darüber zu berichten, was denn genau die strittigen Punkte im Schiedsverfahren sind. Klar, es geht um die Preise, um Behandlungszeiten, Vor- und Nachbereitung, vielleicht auch um neue Befundpositionen. Aber was noch? Geht es darum das Beste aus den bestehenden Rahmenverträgen zusammenzufassen, oder werden hier gerade im großen Stil die Weichen für die Zukunft der Branche gestellt? Und welche Strategie verfolgen die verhandelnden Physioverbände eigentlich, um ihre Verhandlungsziele zu erreichen?

Vor gar nicht langer Zeit gab es eine Welle wütender Therapeuten, die selbstorganisiert auf die Straße gingen und dabei genug Veränderungsbereitschaft in der Politik erzwingen konnten. Die Folge war, dass Jens Spahn mit einem knackigen Gesetz die Rahmenbedingungen für die Heilmittelpraxen in Deutschland vollständig auf den Kopf gestellt hat.

Dann haben die Heilmittelverbände übernommen und sind in den Veränderungsprozess eingestiegen. Allerdings überwiegend unter Ausschluss der Branchenöffentlichkeit. Anstatt einen branchenweiten Strategieentwicklungsprozess anzustoßen und zu moderieren, aus dem ein Positionspapier für die Verhandlungen über die neuen bundeseinheitlichen Versorgungsverträge hätte werden können, haben sich die Funktionäre in bekannter Art hinter verschlossenen Türen auf Position geeinigt, die nun keiner kennt.

Praxisinhaber wurden bisher kaum in den Beteiligungsprozess miteinbezogen, obwohl die Therapeuten selbst mit ihren wütenden Protesten die aktuellen Verhandlungen doch erst möglich gemacht haben. Diese positive Dynamik ist jetzt leider dahin – jedenfalls am grünen Tisch der Verhandler.

Wenn die neuen Versorgungsverträge dann irgendwann einmal unterschrieben sind, wird es auf jeden Fall besser sein als mit den alten regionalen Rahmenverträgen. Aber mich beschleicht das Gefühl, dass der Freiraum, den die Politik für kurze Zeit geschaffen hat, leider auch nicht ansatzweise genutzt worden ist. Braucht es eine weitere Welle von wütenden Therapeuten, um mehr Veränderungsbereitschaft gerade auch innerhalb der eigenen Branche zu schaffen?

Fragt sich Ihr

Ralf Buchner

Außerdem interessant:

Physiotherapie-Rahmenverträge: Schiedsverfahren weiterhin ohne Ergebnis

Herzlich willkommen in 2021 – das wird ein gutes Jahr!

0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all Kommentare
0
Wir würden gerne erfahren, was Sie meinen. Schreiben Sie einen Kommentar.x