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„Ob sich die TI-Anbindung für die einzelne Physiotherapie-Praxis lohnt, hängt momentan noch von der individuellen Situation und dem beruflichen Umfeld ab“

Interview mit Dr. Florian Hartge, CPO der gematik
Für Ärzte ist die Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI) bereits verpflichtend. Physiotherapeuten können zunächst freiwillig daran teilnehmen. Obwohl die Anbindung an die Telematikinfrastruktur erst ab 2026 verpflichtend ist, lohnt es sich jetzt schon, sich mit dem Thema zu befassen. Warum das so ist, welche Vorteile sich für Therapiepraxen ergeben und wie die Zukunft der TI aussieht, darüber haben wir mit Dr. Florian Hartge gesprochen. Er ist als Chief Production Officer der gematik seit 2020 für alle Produktionsprozesse verantwortlich.
„Ob sich die TI-Anbindung für die einzelne Physiotherapie-Praxis lohnt, hängt momentan noch von der individuellen Situation und dem beruflichen Umfeld ab“
© Jan Pauls Fotografie

Herr Dr. Hartge, Telematikinfrastruktur ist vielen ein Begriff. Welche Rolle spielt die gematik dabei?

HARTGE: Die gematik ist für Deutschland die nationale Agentur für digitale Medizin, das heißt, wir sind im mehrheitlichen Besitz des deutschen Staates und im weiteren Besitz der großen Organisationen des deutschen Gesundheitswesens. Unser Auftrag ist es, die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen voranzubringen und weiterzuentwickeln. Im Rahmen dessen gibt es quasi ein großes Hauptprodukt, ein Thema, das die gematik voranbringt, und das ist die Telematikinfrastruktur.

Was ist die Telematikinfrastruktur – abstrakt gesehen?

HARTGE: Abstrakt gesehen ist die Telematikinfrastruktur eine Ansammlung von Infrastrukturtechnik, die dem Zweck dienen soll, im Gesundheitswesen – wo es einen besonderen Bedarf an IT-Sicherheit, an Datenschutz und Datenverlässlichkeit gibt – einen digitalen Austausch von Daten sicher zu ermöglichen. Dazu gehört auch, dass man beispielsweise digitale Identitäten und Kommunikationskanäle hat, sowie Software, die miteinander funktioniert.

Welchen Nutzen hat die Telematikinfrastruktur für Patienten?

HARTGE: Der Kernnutzen ist die Zusammenarbeit der medizinisch tätigen Menschen. Das Gesundheitswesen ist stark aufgeteilt in Sektoren und verschiedene Zuständigkeiten. Doch für eine gute Behandlung ist die Zusammenarbeit wichtig. Alles was wir tun, dient dazu, diese Zusammenarbeit zu stärken und dafür zu sorgen, dass an den Übergabepunkten für die Patienten mehr Sicherheit entsteht und sie einfacher und sicherer behandelt werden können, weil die nächste Person schon weiß, was auf sie zukommt.

Das würde ja bedeuten, dass Heilmittelerbringer plötzlich auf Augenhöhe mit anderen Leistungserbringern im Gesundheitswesen mitspielen. Also quasi: Telematikinfrastruktur als System um althergebrachte Hierarchien zu vermeiden. Oder ist das zu euphorisch gedacht?

HARTGE: Das ist sicherlich etwas, was über die Digitalisierung mit vorangebracht werden kann. Es ist nicht der alleinige Weg, aber sicherlich ein Baustein.

Praktisch alle Ärzte sind an die Telematikinfrastruktur angeschlossen, weil sie es sein müssen, aber unter 50 Prozent nutzen sie. Warum?

HARTGE: Das hat verschiedenen Ursachen. Bei der elektronischen Patientenakte – ePA –, den Notfalldaten und dem Medikationsplan ist ein großes Problem, das in den Arztpraxen Unwissenheit herrscht. Der organisierte Teil des Gesundheitswesens, zu dem nicht nur, aber auch wir in der gematik gehören, hat es versäumt, gut genug zu erklären, wofür die TI-Anwendungen nützlich sind und wie man sie anwendet.

Wenn wir alle im Gesundheitswesen den Nutzen aus der Telematikinfrastruktur ziehen wollen, müssen wir die Leute stärker mitnehmen, ihnen mehr erklären. Oft erleben wir, dass wir in der Praxis mit dem Arzt und den MFA sprechen und als Reaktion kommt: Ach so, so ist das. Na, dann mache ich das jetzt. Aber wir als gematik können nicht in jede Arztpraxis in Deutschland gehen und das erklären.

Wo liegt das Problem bei den Patienten? Wenn ich Leute frage, ob sie die elektronische Patientenakte nutzen, sagen die meisten nein.

HARTGE: Das ist das gleiche Problem. Wir haben da so eine Art zweiseitige Zwickmühle, die wir versuchen, aufzubrechen. Auf der einen Seite sagen die Ärztevereinigungen: Wir klären unsere Ärzte nicht über die elektronische Patientenakte auf, solange die Patienten nicht dabei sind. Und die Krankenkassen sagen: Wir informieren unsere Versicherten nicht über die ePA, solange die Ärzte nicht dabei sind. Das führt dann dazu, dass beide Seiten gleich unterinformiert sind. Darum sind wir als gematik in engen Gesprächen mit den Krankenkassen, um den Prozess endlich voranzubringen.

Ich habe zum Start der ePA Internisten getroffen, die voller Vorfreude waren. Die MFA haben sich ebenfalls darauf gefreut und dann in den ersten drei Wochen jeden Patienten gefragt, ob er eine ePA hat –  aber die Patienten wussten von nichts. Da waren die MFA dann natürlich auch bald frustriert und haben aufgehört, zu fragen.

Wer bestimmt eigentlich, welche Informationen in meine ePA kommen?

HARTGE: Grundsätzlich vergeben Patienten das Recht, dass ein Arzt oder ein Krankenhaus etwas in der ePA hinterlegen kann.

Wenn jetzt also Therapeuten Befunde brauchen oder Röntgenbilder, Behandlungsberichte, Entlassberichte aus Rehakliniken oder aus stationären Einrichtungen, dann können die Patienten veranlassen, dass diese in ihre ePA geladen werden und die Therapeuten können dann darauf zugreifen?

HARTGE: Genauso ist es.

Wer vergibt die Rechte, worauf der Therapeut zugreifen kann?

HARTGE: Das ist auch wieder in der Hand der Patienten.

Lohnt sich für mich als Heilmittelerbringer denn schon heute der Aufwand, mich an die Telematikinfrastruktur anzuschließen? Schließlich ist damit ja mehr verbunden als nur die Technikkosten, die von der GKV erstattet werden. Ich muss ja auch Zeit investieren, mich mit dem Thema beschäftigen, mich einarbeiten usw.

HARTGE: Sie haben völlig recht, man muss sich damit beschäftigen. Aber ich muss mich auch ganz unabhängig von der Telematikinfrastruktur im Jahr 2022 mit dem Thema IT-Sicherheit befassen. Ob sich nun die TI-Anbindung für die einzelne Praxis lohnt, hängt zum jetzigen Zeitpunkt von der individuellen Situation und dem beruflichen Umfeld ab. Hat die Praxis zum Beispiel enge Kooperationen mit Ärzten oder Pflegeheimen, dann würde ich als Praxisinhaber sagen: Ja, ich besorge mir eine KIM-Adresse und tausche darüber immer die aktuellen Befunde aus.

Eine TI-Anbindung hilft mir auch, wenn ich zum Beispiel im Pflegekontext mit Leuten arbeite, die ihre Patienten mit der elektronischen Patientenakte versorgen und damit arbeiten.

Hat es auch einen Mehrwert, wenn ich als Heilmittelerbringer über KIM erreichbar bin? Kann ein Arzt mich darüber finden?

HARTGE: Ja, natürlich. Darüber kann ein Arzt Sie finden und Ihre Praxis anschreiben, Rückfragen stellen, Ihnen Informationen geben und so weiter.

Therapeuten sind ja verpflichtet, Therapieberichte zu schreiben, wenn der Arzt das möchte.

HARTGE: Da ist die TI ein großartiger Weg, um Berichte zu verschicken, ohne dass man den Umweg über die Post machen muss.

Es gibt also auch jetzt schon konkrete Use-Cases, obwohl wir noch nicht 2026 haben. Nun hat die gematik im Herbst 2021 eine Roadmap für die Telematikinfrastruktur 2.0 herausgegeben. Darin steht: Lasst uns Schluss machen mit den Hardware-Konnektoren, lasst uns die elektronischen Heilberufsausweise vergessen, wir machen das alles über Software und das Internet. Wann kommt diese wunderbare Welt der Softkonnektoren und der elektronischen Identitäten – und sollte ich nicht darauf warten?

HARTGE: Die Idee der TI 2.0, wie wir sie im Herbst 2021 beschrieben haben, ist ein langer Prozess. Wir rechnen damit, dass wir 2025 in diesen Wechsel gehen können. Die TI, so wie sie jetzt ist, funktioniert und erfüllt ihren Zweck. Es lohnt sich also jetzt schon, sich damit zu beschäftigen. Denn bis 2025 ist noch eine lange Zeit. Denn bis 2025 ist noch eine lange Zeit. Auch wenn dann in Zukunft elektronische Identitäten für Ärzte oder für Heilmittelerbringer verfügbar sind, heißt das nicht, dass man seinen Heilberufsausweis wegwerfen muss.  Wir wollen, dass der weiter genutzt werden kann, als eine Art Login-Nachweis in Verbindung mit dem Kartenlesegerät.

Wenn wir schon bei der Zukunft sind, was ist die coolste nächste Anwendung? Was ist Ihre Lieblingsanwendung für die Zukunft?

HARTGE: Das gibt es mehrere, aber der nächste Schritt, der jetzt kommt, ist der TI-Messenger. Das ist ein neuer Dienst, der Anfang nächstes Jahr eingeführt wird. Dabei geht es darum, dass alle im Gesundheitswesen Tätigen etwas wie KIM haben, aber als Kurznachrichten-Dienst. Sprich: Da habe ich dann als Nutzer ein verlässliches Adressbuch, ich weiß, wer ist wer, und ich kann in diesem geschützten Raum jedem von meinem Smartphone oder von meinem Praxissystem aus Nachrichten schicken und mich austauschen. Also quasi das sichere WhatsApp des Gesundheitswesens. Die Testungen starten noch dieses Jahr und Anfang nächsten Jahres soll es für die Nutzer der TI losgehen.

Also kann ich mit dem Arzt chatten und zum Beispiel auf diesem Weg darum bitten, eine Verordnung zu ändern. Kann ich auch mit Patienten chatten?

HARTGE: Das kommt danach. Das ist die nächste Stufe, die zusammen mit den Krankenkassen entwickelt wird. Zunächst konzentrieren wir uns auf den interprofessionellen Austausch der medizinisch Tätigen. Im nächsten oder übernächsten Schritt ist dann auch geplant, dass sich das System für Videokonferenzen nutzen lässt.

Unser großes Ziel ist es, mit der Weiterentwicklung TI 2.0 ein Angebot für alle möglichen Digitalleistungen zu schaffen. Es ist ohnehin bereits so, dass wir nicht alles selbst machen, sondern die Industrie Dinge umsetzt, die wir gemeinsam mit ihr entworfen haben. Wir als gematik entwickeln die wenigsten Sachen selbst. Die TI soll eine Art Basis-Vertrauens- und Sicherheitsraum werden, in den man sich mit allen möglichen Digitalanwendungen hineinbewegen kann, zum Beispiel Digitale Pflege oder Digitale Gesundheitsanwendungen. Das Ziel soll sein, damit den Austausch zwischen Heilmittelerbringern und Ärzten zu verbessern und ein System zu schaffen, auf das man sich verlassen kann.

Wenn das klappt, freue ich mich schon darauf.

HARTGE: Ich mich auch.

Herr Dr. Hartge, vielen Dank für das Gespräch.

[Das Gespräch führte Ralf Buchner.]

 

Zur Person:

Dr. Florian Hartge ist seit 2020 für die gematik tätig und verantwortet dort als Chief Produktion Officer (CPO) die Weiterentwicklung und Professionalisierung aller Produktionsprozesse innerhalb des Unternehmens. Er ist Experte in den Themen E-Health, Gesundheitsvernetzung, Softwareentwicklung und Projektmanagement. In seiner letzten Position war Hartge Geschäftsführer und Gründer der Berliner Unternehmensberatung fbeta mit dem Schwerpunkt Gesundheitsdigitalisierung. Zuvor arbeitete er mehrere Jahre als Projektleiter in einer Unternehmensberatung, als Innovationsmanager und als Interessenvertreter für die gesetzliche Krankenversicherung in den Bereichen E-Health, Telematik und Telemedizin. Zudem verantwortete er das Business Development einer Softwarefirma für E-Health-Lösungen.

Das gehört noch zur TI-Sonderausgabe:

Was ist die Telematikinfrastruktur?

Die wichtigsten Begriffe

Von Notfalldatenmanagement bis elektronische Patientenakte

Finanzierung der TI

Interview mit Dr. Florian Hartge, CPO der gematik

Interview mit Johannes Haunhorst und Dr. Christian Uebach, eGBR: Einlasskontrolle zur TI

TI-Fahrplan bis 2026

Ein Blick in die Zukunft

Auf einen Blick – Diese Vorteile bietet die TI für die Praxis

 

 

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