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Raus aus der Behandlung

Bei der KBV bin ich schon eher Sympathisant der Leistungserbringer

Sebastian Prechel-Radon, Ergotherapeut und Referent bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)
Nach der Ausbildung zum Therapeuten, ob nun Logopäde, Ergo- oder Physiotherapeut, führt der Weg für die meisten Berufseinsteiger direkt in die Praxis. Sie behandeln Patienten. Es gibt nach der Ausbildung oder dem Studium aber noch andere Möglichkeiten, zu arbeiten. Friederike Unterlehberg erzählt, wie sie Dozentin an einer Physiotherapieschule geworden ist, was sie an diesem Job mag und was sie ihren Schülern empfiehlt.
Bei der KBV bin ich schon eher Sympathisant der Leistungserbringer
© Viktoria Gaus

Wie landet ein Ergotherapeut bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)? Antworten auf diese Frage hat uns Sebastian Prechel-Radon, Ergotherapeut mit Masterabschluss in Management und Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen, gegeben. Seit 2016 ist er bei der KBV als Referent für veranlasste Leistungen tätig. Was es damit auf sich hat, wie ein typischer Arbeitsalltag bei ihm aussieht und wie die Arbeit seinen Blick auf die Branche verändert hat – dazu jetzt mehr.

Herr Prechel-Radon, Sie haben eine Ausbildung zum Ergotherapeuten gemacht, dann einen Bachelor und Master hinterhergelegt. War das von Anfang an Ihr Plan?

PRECHEL-RADON | Nein, es hat sich eins zum anderen ergeben. Nach dem Abitur 2004 war ich selbst ergotherapeutisch in Behandlung. Ich war so überzeugt von der Arbeit des Therapeuten, dass ich dachte, das könnte auch etwas für mich sein. Im gleichen Jahr habe ich dann in Berlin mit der Ausbildung zum Ergotherapeuten begonnen. Nach dem Abschluss 2007 habe ich in einer Klinik in der akutpsychiatrischen Versorgung mit 20 Wochenstunden angefangen und engagierte mich parallel u. a. im Deutschen Verband Ergotherapie (DVE), war im Fachausschuss Psychiatrie.

2010 habe ich dann an der Alice Salomon Hochschule Berlin berufsbegleitend mit dem Bachelor of Science Ergotherapie gestartet. Noch während des Studiums war klar, dass ich tiefer in das wissenschaftliche Arbeiten einsteigen wollte, also habe ich einen Master of Science in Management und Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen drangehängt. Ich begleitete ein Projekt in der Versorgungsforschung, was so zeitintensiv war, dass ich in der Klinik aufgehört habe und nur noch an der Hochschule tätig war.

Wie sind Sie dann zur KBV gekommen?

PRECHEL-RADON | Zum Ende meines Masters kam ich auf einem Kongress mit Kassenvertretern ins Gespräch. Ein Herr meinte dann, fang als Einstieg in die verbandspolitische Arbeit einfach bei einem großen Kassenverband an. So bin ich 2015 auf die Stelle bei der KBV aufmerksam geworden. Die suchten einen Referenten für veranlasste Leistungen. Was es damit auf sich hat, habe ich erst während des Bewerbungsgespräch so richtig verstanden. Meine jetzigen Vorgesetzen sagten, sie würden genau so jemanden wie mich suchen, es gehe um die Themen rund um die Heilmittel-Richtlinie. Ich bekam den Job und habe mich von Grund an eingearbeitet, ging in die Gremienarbeit, in den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Mit der Zeit übernahm ich immer mehr Verantwortung in den Beratungen und dann auch ein KBV-Projekt zur Heilmittelverordnungssoftware. Das war aber ein langer Weg.

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag aus?

PRECHEL-RADON | Das ist ein voller Sitzungstag in der Arbeitsgemeinschaft Heilmittelrichtlinie des G-BA. Der beginnt meist ab 8:30 Uhr mit einer Vorbesprechung mit unseren externen Beratern und Sachverständigen, die themenbezogen hinzugezogen werden. Um 10:30 Uhr starten dann meist die Sitzungen im G-BA. Die gehen bis ungefähr 15:00 Uhr bzw. 15:30 Uhr. Danach beantworte ich oft noch Anfragen, die mich per Mail oder per Telefon erreichen. Auf mich kommen oft Sachbearbeiter oder Referenten mit Interpretationsfragen zu, wie Paragraf XY in der Richtlinie bei dem und dem Problem auszulegen ist.

Melden sich auch Heilmittelerbringer bei Ihnen?

PRECHEL-RADON | Ja, durchaus. Ich habe ein ganz anderes Netzwerk als ein Arzt, der als Referent zur KBV geht. Ich bin schon eher Sympathisant der Leistungserbringer. Viele Leistungserbringer, die sich melden, gehören keinem Berufsverband an oder sind mit der Beratung nicht weitergekommen. Eine Sache, die ich anhand der Fragen aber immer wieder merke, ist, dass ganz vielen Inhabern von Heilmittelpraxen leider die notwendige Managementkompetenz fehlt. Das liegt sicher auch mit daran, dass die Branche noch nicht abschließend professionalisiert ist. Da ist noch Luft nach oben.

Hat sich Ihr Blick auf die Heilmittelbranche durch Ihren jetzigen Beruf verändert?

PRECHEL-RADON | Ja, schon. Ich verfolge die Entwicklung der Heilmittelberufe seit meiner Ausbildung sehr interessiert und bin froh über die begonnene Aufwertung, etwa im Hinblick auf die Vergütung und die Perspektiven der Ausbildung. Vielen dauert das alles aber zu lange. Ich weiß mittlerweile, dass es oft aber einfach nicht schneller geht, weil wir in einem komplexen System operieren. Und wenn ich lese, wir überspringen die Blankoverordnung und fordern gleich den Direktzugang, dann denke ich mir, ihr seid da ein bisschen zu schnell. Wenn das dann auch noch von einem der führenden Berufsverbände kommt, dann läuten vor allem bei Ärztevertretern die Alarmglocken, dass das übermorgen wirklich so ist, weil es irgendeine spontane Gesetzgebung gibt. Die würden dann alles geben, das zu verhindern – einfach als Trotzreaktion. Das ist ein sensibles Thema auf Seiten der Ärzte, es braucht Vertrauen und Zeit.

Was raten Sie jungen Therapeuten, die auch im berufspolitischen Bereich arbeiten möchten?

PRECHEL-RADON | Den Mut zu haben, zu sagen, auf die und die Tätigkeit habe ich Lust, das kann ich mir vorstellen, auch wenn man sehr spezifisches Wissen dazu noch nicht mitbringt. Sich einfach zuzutrauen, das irgendwann auch zu können. Und auch, schon früh politisch aktiv zu sein. In Bezug auf Lobbyarbeit sind wir noch ganz am Anfang, da ist noch ganz viel Luft nach oben. Wir brauchen viel mehr Heilmittelerbringer, die in die großen Verbände gehen und merken, wie die so ticken und das Wissen dafür nutzen, den eigenen Berufsstand voranzubringen.

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