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„Warum bilden die Verbände nicht eine Kommission zum Thema Vergütung, um gemeinsam stark zu verhandeln?“

Interview mit einem Praxisinhaber zu seinen politischen Aktivitäten
Versorgungsverträge, Preise und Blankoverordnungen sind drei Themen, die in den vergangenen Monaten zwischen Heilmittelverbänden und dem GKV-Spitzenverband verhandelt wurden oder noch verhandelt werden müssen. Die bisherigen Ergebnisse sind eher enttäuschend. So sieht es auch Stefan Reck, Logopäde und Inhaber eines interdisziplinären Therapiezentrums in Uelzen. Er ist unserem Aufruf zum Einmischen aus der Januar-Ausgabe gefolgt und hat sowohl die Mitglieder des Gesundheitsausschusses kontaktiert, als auch einen Brief an alle zehn Heilmittelverbände geschrieben. Wir haben mit ihm über seine Intention und die Ergebnisse aus den Gesprächen gesprochen.
„Warum bilden die Verbände nicht eine Kommission zum Thema Vergütung, um gemeinsam stark zu verhandeln?“
© PicturePeople

Herr Reck, was läuft in Ihren Augen aktuell schief in der Heilmittelbranche?

RECK: Ich bin in den letzten zwölf Monaten immer stärker daran verzweifelt, dass ich in allen drei Berufsgruppen mitansehen musste, wie die Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband allesamt völlig gescheitert sind. Wenn ich mir die Honorarverhandlungen ansehe, ist es schon komisch, wie wir TherapeutInnen abgespeist wurden. Verband A verkaufte die Ergebnisse als Erfolg, Verband B ließ verlauten, sie konnten sich leider nicht durchsetzen. Der GKV-Spitzenverband hat dazu nur eine nüchterne Nachricht veröffentlicht. Ich habe dieses Desaster dreimal hintereinander erst in der Logo, dann in der Physio und am Ende bei den Ergos erlebt.

Ich bin selbst in drei Verbänden Mitglied, bei LOGO Deutschland, im IFK und im BED. Ich war trotzdem nicht in der Lage, zu checken, bei welchem Punkt der Verhandlungen wir eigentlich gerade sind. Da ist hier eine Verhandlung, da ein Schiedsverfahren, dann geht dort etwas in eine neue Runde und anderswo wird geklagt und auf einmal gibt es Verträge, die nun wirklich nicht zufriedenstellend sind. Ich war dann erst einmal sehr kämpferisch, weil ich mir dachte: Das gibt es doch nicht, dass wir diese Verträge annehmen, einige Verbände das abnicken, als Erfolg verkaufen und wir uns auch noch bedanken sollen. Wir werden seit so vielen Jahren einfach nur verschaukelt und wenn man wie ich den Blick auf die drei Berufe hat, ist es noch schockierender, dass in allen drei Berufsgruppen genau das Gleiche passiert.

Was läuft denn Ihrer Meinung nach bei den Verbänden falsch bzw. was wünschen Sie sich von ihnen?

RECK: Ich verstehe, dass die Verbände ihre Eigenständigkeit erhalten wollen, und dass es mich nicht weiterführen würde, wenn ich vorschlage, wir gründen einen großen Therapieverband. Aber: Ich möchte, dass die Verbände mir erklären, was daran so schwierig ist, eine Art Kommission zu bilden aus unseren Berufsverbänden, die sich zumindest auf die Honorierung oder andere wenige Punkte unserer Berufe einigt und dann gemeinsam in die Verhandlungen geht. Das würde viele der bisherigen Probleme lösen.

Wir haben es zum Teil mit „Pfadfindern“ zu tun, die die Verhandlungen führen. Da schicken einzelne große Verbände ehrenamtliche Vorstandsmitglieder statt hauptberuflicher Experten in die Treffen mit dem GKV-Spitzenverband. Und dann wundern sich alle, dass die Ergebnisse so schlecht sind? Ich habe echt das Gefühl bekommen, dass die Verhandlungen von unserer Seite so schlecht vorbereitet sind. Und dann hängen sich einige Vertreter an einem Quatsch auf. Bevor wir auf Biegen und Brechen eine Akademisierung durchsetzen, wie wäre es, wenn wir erstmal dafür sorgen, dass wir spätere AkademikerInnen überhaupt angemessen bezahlen können. Ich kann aktuell einer Bewerberin mit Bachelorabschluss 40.000 Euro Einstiegsgehalt anbieten und ihr dann aber auch gleichzeitig mitteilen, dass das das Ende der Fahnenstange ist, weil ich mehr einfach nicht bezahlen kann.

Mein Angriffspunkt waren aber eigentlich die Honorarverhandlungen. Hier arbeiten die Verbände mehr gegeneinander als gegen ihren eigentlichen gemeinsamen Gegner, den GKV-Spitzenverband. Und dieses Maß an Zerstrittenheit, die zwischen den Verbänden aktuell herrscht, das ist einfach nur schädlich für die gesamte Branche. Ich habe das Gefühl, es gibt so wenig Sensibilität für das Thema, wer uns da eigentlich vertritt, wer im Namen der gesamten Branche Verhandlungen durchführt, was eigentlich genau verhandelt wird und was eben nicht. Und was absolut nicht in Ordnung ist, ist, mit welchen Ergebnissen sich die Verbände am Ende zufriedengeben.

Wie sind Sie dann darauf gekommen, politisch aktiv zu werden?

RECK: Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie sind zwar eigene Berufsgruppen, aber wir sind uns so ähnlich. Daher kann ich einfach nicht begreifen, warum es zehn verschiedene Verbände für unsere drei Berufe gibt. Können wir so gut vertreten werden? Das wollte ich genauer wissen und bin dem Aufruf in der up gefolgt, mich an den Gesundheitsausschuss zu wenden. Ich habe jedes Mitglied, außer die der AfD, angeschrieben. Es haben sich dann die Personen bei mir gemeldet, die für Heilmittel zuständig sind. So habe ich tatsächlich auch mit mehreren Mitgliedern persönlich gesprochen, unter anderem mit Nicole Westig (FDP), Stephan Pilsinger (CSU) und Saskia Weishaupt (Die Grünen).

Wie waren die Gespräche und welches Ergebnis ziehen Sie daraus?

RECK: Man hat natürlich gemerkt, wer neu auf der Position ist. Aber alle haben meine Nachricht aufmerksam gelesen, sich Mühe gegeben und tatsächlich ausführlich mit mir gesprochen. Diejenigen, die Ahnung von der Heilmittelbranche hatten, haben mir immer das Gleiche gesagt: Ganz ehrlich? Wir wissen nicht so genau, wer wen genau vertritt, wer zuständig ist und die Verbände haben einfach unterschiedliche Schwerpunkte, die keine gemeinsame Linie abbilden. Dadurch haben wir das Problem, dass wir keinen eindeutigen Ansprechpartner haben.

Wie ging es nach diesen Gesprächen für Sie weiter? Was war Ihr nächster Schritt?

RECK: Nach diesen Gesprächen dachte ich mir: Du hast jetzt A gesagt, also musst du jetzt auch weitermachen und B sagen. Zum einen habe ich in verschiedenen Facebook-Foren, in denen ich aktiv bin, Aufrufe gestartet, es mir gleichzutun. Ich habe dann auch den Link zu den Mitgliedern des Gesundheitsausschusses bereitgestellt. Ich bekam daraufhin eine ganze Menge positives Feedback. Außerdem habe ich einen fünf Seiten langen Brief an alle zehn Verbände geschickt.

In diesem Brief habe ich meine Sicht der Dinge und der Missstände der Branche inklusive Lösungsvorschläge geschildert, sowie um persönliche Gespräche gebeten. Außerdem habe ich angekündigt, dass ich den Brief in der Kalenderwoche 10 veröffentlichen werde. Bis heute konnte ich Gespräche mit den Vorstandsmitgliedern des dbs, IFK und dem DVE führen. Bei LOGO Deutschland darf ich mein Anliegen im Mai persönlich vorbringen.

Wie verliefen die ersten Gespräche mit den Verbänden?

RECK: Ich ernte viel Kopfnicken von den Verbänden, aber ich sehe auch, dass sich nicht wirklich etwas in die Richtung gemeinsames Vorgehen bewegen wird. Es wird dann auf große Erfolge in Sachen Honorierung hingewiesen. Nun hatte ich meine Praxis bis vor einiger Zeit in Bayern. Dort waren die Preise schon immer etwas höher als im Rest des Landes. Dann kamen 2019 ja die bundeseinheitlichen Preise. Dann erklärte mir ein Geschäftsführer, dadurch hätten wir ja Preissteigerungen von über 57 Prozent seit 2017 zu verzeichnen.

Da sind mir fast die Ohren abgefallen. Aber klar, er nannte dann die AOK Sachsen-Anhalt als Beispiel. Natürlich hatte er damit recht, aber es ist auch ein kleiner Taschenspielertrick, um die Erfolge gut zu verkaufen. An anderer Stelle hieß es, gesetzlich gebe es eine Range, in der sich die Honorierungen bewegen können. Mehr sei also sowieso nicht durchsetzbar. So eine Aussage kann ich dem GKV-Spitzenverband zugestehen, aber nicht unseren Vertretern bei Verhandlungen. Da frage ich mich, warum uns TherapeutInnen die Vorgehensweisen in den Verhandlungen und auch die Ergebnisse nicht einmal erklärt werden.

Was mir in dem Gespräch mit Saskia Weishaupt auch erst bewusst wurde: Ich dachte bis vor wenigen Wochen noch, dass der GKV-Spitzenverband die Zertifikate unbedingt behalten möchte. Aber das ist gar nicht der Fall. Die Verbände wollen die Zertifikate nicht abschaffen, weil sie für sie natürlich eine gute Einnahmequelle sind. Ein Verband erklärte mir dann jedoch, dass die Physios selber auch an der Aufrechterhaltung der Zertifikate interessiert seien, da sie auf diese Weise höhere Honorare erhalten würden. Meiner Meinung nach sollte eine Honorierung aber dort beginnen, wo sich alle KollegInnen eine gute Zukunftsperspektive schaffen können. Die Zertifikate sollten Teil der regulären Ausbildung werden – vielleicht mit Wahlpflichtfächern/Spezialisierungen.

Nach den Aussagen der Verbände, mit denen ich bisher gesprochen habe, sind sie alle untereinander in Kontakt und wollen in den einzelnen Berufsgruppen auch versuchen, beim Thema Honorierung gemeinsam aufzutreten. Meiner Meinung nach ist das aber deutlich zu wenig.

Haben Sie schon weitere Pläne?

RECK: Ich überlege, mich mit KollegInnen oder anderen Initiativen zusammenzutun, um einzelne Themen wie Honorierung, Zugang zu Therapie sowie Ausbildung voranzutreiben. Also sich erst einmal bestimmte Bereiche herauszunehmen, um die man sich kümmert. Das sind meiner Meinung nach die drei Punkte, die die Zukunft unserer Berufe bestimmen. Wir werden schauen, ob es Personen gibt, die Einfluss und Meinungsmacht haben, die sich vielleicht einer solchen Initiative anschließen würden, um immer und immer wieder an die Verbände heranzutreten. Denn an den Verbänden kommen wir aktuell nicht vorbei. Ich möchte keinen weiteren Verband gründen. Das hat keinen Sinn. Ich weiß auch, dass die Themen alle nicht neu sind. Aber wir müssen aktiv bleiben und jeder von uns muss aktiv werden. Das Schwierige ist, nicht daran zu verzweifeln, genügend Mitstreiter zu gewinnen.

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4 Kommentare
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Andreas Hypa
03.08.2022 8:20

Sehr guter Kommentar . Auch meiner Meinung nach sollten Profis… Weiterlesen »

Holger Seuß
05.04.2022 11:35

Endlich wird ausgesprochen, um was es wirklich geht! Die Verbandswichtigtuerei… Weiterlesen »

Annette Szymanski
01.04.2022 22:28

Gut geschrieben. Bin gespannt ;-)

Guido Scharnbach
31.03.2022 8:30

Genau meine Meinung. Heilmittelverbände konzentrieren und mit den wahren Interessen… Weiterlesen »

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