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Versorgung selbst steuern statt abarbeiten

Geschäftsmodelle Case Management

Versorgung selbst steuern statt abarbeiten

Unter- beziehungsweise fehlversorgte Patienten gibt es in praktisch jeder Ergo-, Physiotherapie und Logopädiepraxis in Deutschland. Das liegt weniger am mangelnden Willen der beteiligten Therapeuten, Ärzte, Pflegkräfte und Sanitätshäuser, als vielmehr an schlecht bis gar nicht vernetzten Strukturen des Gesundheitssystems. Mit der Etablierung eines Case Managers in der eigenen Praxis eröffnet sich die Möglichkeit, die Versorgung der Patienten deutlich zu verbessern und dafür angemessen bezahlt zu werden.

Fotocredit: Fotolia, wildworx

„Pflegestufe 1 ist doch wohl ein Witz“, empört sich Siglinde Meyer, Ehefrau eines Patienten einer interdisziplinären Heilmittelpraxis in Westfalen-Lippe über die Beurteilung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK): „…und weitere Physiotherapie ist nicht notwendig, haben die gesagt, aktivierende Pflege würde ausreichen, wie soll das denn jetzt mit meinem Mann zu Hause weitergehen?“

Patienten ohne ausreichende Therapie

Mit solchen oder so ähnlichen Fragestellungen werden viele Therapeuten regelmäßig in ihren Praxen konfrontiert. Patienten, die sich in die falsche Pflegestufe eingruppiert fühlen, unzureichende Hilfsmittelversorgung und die Verweigerung medizinisch notwendiger Therapien sind Probleme, die auch Armin Wenk aus seinem Alltag kennt. Wenk ist Chef der interdisziplinären Praxis in Westfallen-Lippe, in der Ergo-, Physiotherapie und Logopädie in einem Team erbracht werden. Er kennt das Problem von Siglinde Meyer: „Niemand ist richtig zuständig, wenn es darum geht, Patienten dabei zu unterstützen, eine angemessene Versorgung in der häuslichen Umgebung zu bekommen. Das führt dann dazu, dass sich Patienten dem System ausgeliefert fühlen.“

Case Manager in Praxis integrieren

Unterschiedliche Kostenträger, Regressdruck auf Ärzte, unklare Zuständigkeiten und eine Bürokratie, die primär auf Kostenvermeidung achtet, verhindern eine sinnvolle individuelle Versorgung einzelner Betroffener. Die Frage, wer sich darum kümmert, dass Patienten angemessen versorgt werden, ist im Gesundheitssystem, so wie es aktuell gelebt wird, noch nicht entschieden. So genannte Case Manager, zu Deutsch Fall Manager, sollen die angemessene Versorgung der Patienten sicherstellen. Case Manager gibt es schon in einigen Krankenhäusern, um eine schnelle Entlassung zu organisieren, oder vereinzelt bei Krankenkassen, um die Kosten der Versorgung zu reduzieren. Im Rahmen der beruflichen Rehabilitation übernehmen auch die Agentur für Arbeit, der Rentenversicherungsträger, die Berufsgenossenschaft die Kosten für einen Case-Manager.

In der „normalen“ ambulanten Versorgung von chronisch Kranken und Pflegebedürftigen gibt es dagegen kaum entsprechende Angebote. Viele Kostenträger gehen davon aus, dass solche Koordinationsaufgaben unentgeltlich von den jeweiligen Leistungserbringern, also beispielsweise Ärzten und Pflegediensten, erbracht werden können. Inzwischen bieten freiberufliche Pflegeberater ihre Leistungen an und unterstützen Patienten bei der Pflegebegutachtung des MDK, für circa 300 Euro als Selbstzahlerleistung, inklusive Vorbereitung, Begleitung der Begutachtung und Kontrolle des Gutachtens.

Heilmittelerbringer sollten Beratung abrechnen

„Wir müssen das Thema Case-Management als Therapeuten besetzten“, weiß Armin Wenk. Gemeinsam mit seinem Team hat er die Richtlinien des MDK zur Begutachtung von Pflegebedürftigkeit gelesen und festgestellt: „Mehr als die Hälfte des Gutachtens dreht sich um Heil- und Hilfsmittel, es geht praktisch immer um die Beurteilung von Einschränkungen bei den Aktivitäten, da sind wir als Therapeuten mindestens genauso gut aufgestellt, wie die Pflegedienste.“ Auf jeden Fall dann, wenn man wie Wenk, Ergo-, Physiotherapeuten und Logopäden gemeinsam einsetzen kann.

Aufgaben für einen Case-Manager in seiner Praxis sieht Armin Wenk an vielen Stellen. Denn zusätzlich zum Thema Pflegestufe werden seine Mitarbeiter auch mit Fragen der beruflichen Rehabilitation, bei der umfassenden Versorgung von schwerstkranken Patienten im häuslichen Umfeld und der Hilfsmittelanpassung konfrontiert. Wenk will in seiner Praxis der kostenlosen Beratung ein Ende setzen: „Wenn wir Patienten oder andere Leistungserbringer beraten und koordinieren sollen, dann müssen wir das professionell machen, dann brauchen wir dafür Zeit – und müssen dafür bezahlt werden!“ Das gelingt nach Ansicht von Wenk deutlich einfacher, wenn Heilmittelerbringer die Leistungen als Case-Manager erbringen, „dann ist allen klar, dass das nicht über die übliche Heilmittel-Verordnung abgerechnet wird.“

Bessere Zusammenarbeit mit Ärzten möglich

Armin Wenk hat inzwischen mit einem regionalen Ärzte-Netzwerk Kontakt aufgenommen und vereinbart, dass er mit seinem Team in Zukunft das Case-Management auch für das Ärzte-Netzwerk übernehmen soll. „Plötzlich sind wir als Praxis nicht mehr nur ein Grund für Regressgefahr, sondern ein wichtiger Partner, der Ärzten Bürokratiearbeit abnimmt“, fasst Wenk seine Gespräche mit den Medizinern zusammen: „Wenn wir als Case-Manager argumentieren, hören die Ärzte einfach besser zu.“

Für Siglinde Meyer und ihren pflegebedürftigen Mann zahlt sich die Case-Management-Qualifikation von Armin Wenks Praxis aus. Ein Widerspruch gegen den Entscheid der Pflegeeinstufung hat nicht nur die Pflegestufe erhöht, sondern auch dafür gesorgt, dass der MKD die Notwendigkeit für einen langfristigen Heilmittelbedarf bestätigt hat.

Für alle, die sich mit diesem Fallbeispiel oder mit ähnlichen
Situationen aus dem Praxisalltag identifizieren,
und endlich Patienten auch über die Heilmitteltherapie
hinaus unterstützen möchten, bietet buchner consulting
einen neuen Zertifikatslehrgang an, in dem Sie
sich oder Ihre Angestellten zur anerkannten Case ManagerIn
(DGCC) weiterbilden lassen können.
Weitere Informationen zum Lehrgang finden Sie hier:
https://www.buchner.de/produkte/seminare/case-managerin/

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