Ausgabe up 7-2018 | Rubrik Politik

Ein Ping-Pong-Spiel mit Zahlen – Live-Diskussion über die Zukunft der Heilmittelerbringer

vom: 29.06.2018

Wie steht es um die Zukunft der Heilmittelerbringer? Darüber diskutierten am 05.06.2018, die Gäste von Dr. Roy Kühne: Bernd Faehrmann vom AOK Bundesverband, Abteilungsleiter Arznei-, Heil- und Hilfsmittel, Boris von Maydell, Leiter der Abteilung Ambulante Versorgung beim Verband der Ersatzkassen (vdek) und Heiko Schneider von der Initiative Therapeuten am Limit. Moderiert wurde die Runde von Ralf Buchner, Herausgeber von up|unternehmen praxis. Der Brandbrief von Heiko Schneider lieferte den nötigen Gesprächsstoff. Es fand ein kunterbuntes Ping-Pong-Spiel mit Zahlen, Statistiken und Erhebungen statt. Einigkeit herrschte nur bei wenigen Punkten.

Das erste Thema des Abends: Altersarmut. Schneider berichtet, dass er viele Zuschriften erhalten habe, in denen Therapeuten die Angst vor der finanziellen Not im Alter schildern. Auch er als Selbstständiger wisse nicht, von was er im Alter leben solle. Faehrmann bezieht zu dem Thema als erster Stellung: Das sei kein Thema für die AOK. Ihre Aufgabe sei es, für entsprechende Rahmenbedingungen zu Sorgen, damit die Patienten vernünftige Leistungen erhalten. Altersarmut komme auch oft zustande, da viele Therapeuten nur Teilzeit oder für einige Jahre tätig seien.

Auch von Maydell klinkt sich ein. Er verweist im Zuge dessen auf die im Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) festgelegte „extreme“ Vergütungssteigerung von 30 Prozent. Man müsse erst einmal abwarten, wie es sich entwickele. Faehrmann ergänzt: „Keine andere Branche hat eine solche Steigerung wiederfahren.“ Sie müsse zudem auf die Gesamtsumme einer Praxis gesehen werden. Da die Sachkosten in den letzten Jahren nicht gestiegen seien, müssten die einzelnen Vergütungssteigerungen bei 40 bis 50 Prozent liegen, so Faehrmann. Dr. Kühne bezeichnet die Steigerung eher als „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Relativiere man das in Zahlen, bezogen auf das Durchschnittseinkommen von 2028 Euro, sei das nicht so überzeugend. Er ergänzt beispielhaft an Faehrmann gerichtet: Bei Strom gäbe es in den letzten 10 Jahren Mehrkosten von 50 Prozent.

„Diese Zahlen stimmen einfach nicht“

 Schneider lächelt nur müde, Altersvorsorge könne er nicht betreiben. Er arbeite 10 bis 12 Stunden am Tag. Hinzu kommt die Zeit für Bürokratieaufwand, beispielsweise durch falsch ausgestellte Rezepte seitens der Ärzte oder aber die hohe Dokumentationspflicht. Wer nach den Rahmenbedingungen der GKV therapiert, könne davon keine Familie ernähren. Ralf Buchner nennt konkrete Zahlen: Ein Physiotherapeut verliert 13,85 Euro pro Stunde, wenn er nach GKV Zulassung arbeitet. Ergotherapeuten 12,85 Euro und Logopäden 23 Euro. „Diese Zahlen stimmen einfach nicht“, widerspricht Faehrmann. Die AOK verzeichne zunehmende Zahlen an Leistungserbringern, die IKs stiegen. Diesen Trend sieht auch der vdek. Die Anzahl der Gesamtpraxen nahm in den letzten Jahren zu, bei Physios um ein bis zwei Prozent. In den anderen Bereichen im Durchschnitt sogar über zwei Prozent.

Ein Fünkchen Einigkeit

Wieder fallen Zahlen, dieses Mal beim Thema Vergütung. „Die Ersatzkassen haben die Vergütung letztes Jahr um 7 Prozent angepasst, weitere 10 Prozent zum 01.04. diesen Jahres“, so Maydell. Ein Richtungswechsel fände statt, es dauere nur, bis das bei den Therapeuten ankomme. Dr. Kühne hat einen Vorschlag an die Kassen: Erst einmal die 30 Prozent Vergütungssteigerung nutzen, um das Versorgungsloch der letzten neun Jahre zu schließen. Dann bei null anfangen, statt die Entwicklung unnötig zu verzögern. Zusätzlich verweist er auf die ungleiche Vergütung zwischen Angestellten in einer Klinik und der Praxis. „Wir gehen davon aus, dass die Therapeuten in den Krankenhäusern im Schnitt 80 Prozent mehr bekommen.“ In einigen Kliniken bekämen Therapeuten nach acht Jahren das doppelte von dem, was ein angestellter Kollege in einer Praxis bekommt.

Das Versorgungsloch bewegt auch die Zuschauer. Kommentare flimmern nur so über den Bildschirm. Schulen müssen schließen, wir finden keine Fachkräfte, die Ausbildungskosten tragen zu dem Problem Nachwuchsmangel bei – Ralf Buchner stellt die nächste Frage in die Runde: Finden Sie es sinnvoll, dass Therapeuten die Ausbildungskosten selbst tragen müssen? Hier herrscht ausnahmsweise einmal Einigkeit zwischen den Vertretern der Kassen, dem Gastgeber und Schneider: Nein.

Fortbildungen: Vorgeschrieben, aber oft nicht finanzierbar

Schneider sieht neben der Politik aber auch die Kassen in der Schuld. Die Vergütungssätze würden nicht ausreichen, um die Ausbildungskosten abzubezahlen. Laut von Maydell seien die Beitragsgelder der Krankenkassen aber auch nicht dafür da, die Ausbildungskosten zu tragen.  Das sei Aufgabe der Länder. Buchner hakt nach: „Und was ist mit den Universitätskliniken und dem Krankenhausfinanzierungsgesetz?“ Faehrmann demententiert, dass sei eine rein staatliche Finanzierung.

Auch die von den Kassen vorgeschriebenen Fortbildungen seien durch die Vergütungssätze kaum zu stemmen, so Schneider. Buchner rechnet vor: Eine Fortbildung Lymphdrainage koste mit allem Drum und Dran 9.000 Euro. „Und dann bekommt man von den Krankenkassen ungefähr 30 Cent pro Minute weniger, als wenn man die Ausbildung nicht gemacht hätte. Die Fortbildungsverpflichtung, die die Krankenkassen in die Rahmenverträge reingeschrieben haben, bedeuten 90 Millionen Euro Ausgabenverpflichtung für Therapeuten.“ Maydells Antwort: Es sei nötig, das im Rahmen der Vergütungssätze solche Fortbildungen auch finanzierbar sind. Konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Situation? Fehlanzeige.

Regress – ein Gespenst, das nur Therapeuten sehen?

Buchner liest einen Kommentar von einem Zuschauer vor: In Niedersachsen werden Ärzte vom Regress befreit, wenn sie pauschal 3,85 Prozent weniger Heilmittel verordnen als im Vorjahr. So steht es in der Heilmittelzielvereinigung. Dr. Kühnes Antwort: „Ein wirtschaftlicher Umgang mit Heilmitteln ist wichtig, aber da muss man sich echt fragen, ob das überhaupt legal ist.“ Schneider meldet sich zu Wort. Die Patientenversorgung leide stark unter solchen Regelungen. Verordnungen außerhalb des Regelfalls würden oft nur noch in Ausnahmefällen ausgestellt, es gebe viele Quartalspringer. Statt einer Verordnung für KG ZNS erhielten viele nur eine Verordnung für KG. Ralf hakt nach: „Und was machen Sie dann?“ Schneider: „Ich behandle dann nach bestem Gewissen.“

Faehrmann sei solch eine Vereinbarung nicht bekannt. Eigentlich sei vom Gesetzgeber etwas dafür getan worden, dass gerade chronisch Kranke nicht mehr unter einem solchen Verordnungsdruck stehen. Dr. Kühne findet deutliche Worte: „Das Gespenst Regress wird nicht nur von den Therapeuten betrieben, es gibt Zielvereinigungen, wie in Niedersachsen, wo das direkt drinsteht.“ Faehrmanns Reaktion: „Gespenster gibt es viele. Wir hören sogar von Ärzten, dass es für Hilfsmittel Budgets gibt, obwohl es diese nie gab.“ Unkenntnis sei ein schwieriges Feld.

Schon jetzt eine Form des Direktzugangs – nur ohne Bezahlung

Schneider schildert einen Fall aus der Praxis: Ein Patient kommt mit einem Rezept mit Vermerk LWS-Syndrom zu uns. „Wir als Therapeuten müssen dann gucken, was er wirklich hat. Wir untersuchen ihn und dokumentieren auf fünf bis zehn Seiten“, so Schneider. „Wir haben also bereits eine Form des Direktzugangs, aber eben unbezahlt für die Therapeuten.“

Auch Faehrmann sei so ein Vorgehen bekannt, es sei Gang und Gebe. Sein Vorschlag ­– der so auch in Modellvorhaben getestet werden soll: Der Arzt verordnet nur ein Volumen und der Therapeut entscheidet dann, was innerhalb des Volumens gemacht wird. Das sei kein Direktzugang, erweitere aber die Kompetenzen der Therapeuten. Kühne schlägt beim Thema Direktzugang etwas vorsichtigere Worte an: Er würde ihn nicht unmittelbar sofort für alle Therapeuten aussprechen. Wie in jeder Branche gäbe es auch unter Therapeuten die berühmten schwarzen Schafe. Qualitätsstandards seien hier eine Lösung. Das Thema stehe bereits auf der Agenda für diese Legislaturperiode.

30 Prozent! Ein Dauerbrenner des Abends

Zum Schluss weise Worte von Faehrmann: „Man kann nur an die Kollegen appellieren, den Spaß an dem Beruf nicht zu verlieren.“  Im Zuge dessen verweist er wieder auf die 30 Prozent Vergütungszuwachs. Das Wichtige sei jedoch, dass das Geld auch bei den Therapeuten ankommt. Der Meinung ist auch von Maydell: 400 Millionen zusätzlich bei den Ersatzkassen in jedem Jahr mehr, dass müsse dann auch bei den Therapeuten sichtbar sein. Schneider fragt: „Was soll ich von den 30 Prozent weitergeben?“ Er verdiene nicht mehr als seine Rezeptionskraft.

Auch im Schlussplädoyer von Dr. Kühne sind die 30 Prozent Thema: Diese hätten wir uns sparen können, wenn wir ein bisschen progressiver gehandelt hätten. Er als Politiker muss da ein Auge darauf haben, nimmt aber auch die Kassen in die Pflicht. Er sähe es als wichtiges Signal, wenn die Krankenkassen ihre sogenannten Reserven in einer ad hoc Investition entsprechend bereitstellen würden. „Wir müssen jetzt die Leute überzeugen, in den Beruf zu gehen und nicht in drei Jahren.“

Außerdem gehören zum Themenschwerpunkt noch folgende Artikel:

17 Thesen unter der Lupe – Ein Faktencheck zur Live-Diskussion über die Zukunft der Heilmittelerbringer

Missstände in der Branche – Therapeuten begehren bundesweit auf

 

Bildnachweis: Buchner

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