Ausgabe up 12-2016 | Rubrik Politik

Absolut verzichtbar!

vom: 07.11.2016

Der Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2016

Ihren diesjährigen Report zur Heil- und Hilfsmittelversorgung gibt die Barmer GEK zum ersten Mal ohne die Kooperation mit der Uni Bremen heraus. Das Ergebnis ist pseudowissenschaftliche Propaganda für die Krankenkassen.

Gesundheitspolitiker können ihre Entscheidungen nicht einfach aus dem Bauch heraus treffen. Sie brauchen dazu Erkenntnisse, Zahlen, Fakten – und die erhalten sie vor allem aus der Versorgungsforschung, die Daten zum Gesundheitswesen liefert. Vielen gilt der Bereich der Heilmittel dabei als eher intransparent. Deswegen greift die Politik häufig auf die sogenannten Routinedaten der Krankenkassen zurück, die sie durch regelmäßige Analysen erheben.

In den vergangenen Jahren hat die Barmer GEK dabei Maßstäbe gesetzt, in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen. Ihr Heil- und Hilfsmittelreport lieferte nicht nur die allgemeinen Kennzahlen, sondern beschrieb auch, wie die Leistungserbringer Patienten mit bestimmten Krankheiten versorgten. Mit dem Report 2015 endete die Kooperation allerdings. Deswegen überraschte es, als im Oktober dennoch der Heil- und Hilfsmittelreport 2016 erschien.

Pseudowissenschaftliche Forschung

Wer als Leser mit berechtigt hohen Erwartungen an den Report herangeht, wird jedoch bitter enttäuscht. Das Papier enthält keine neuen Erkenntnisse, dafür handwerkliche Fehler und fragwürdige Schlussfolgerungen. Mit anerkannten Regeln wissenschaftlichen Arbeitens hält sich der neue Heil- und Hilfsmittelreport der Barmer GEK nicht lange auf. Thesen und Schlüsse der Kasse stehen in keinem für den Leser erkennbaren Zusammenhang zu den zugrundeliegenden Analysen. All das nährt den Verdacht von pseudowissenschaftlicher Forschung, bei der die Aussagen, die der Bericht macht, von Anfang an feststanden.

Fachliteratur wird mehr oder weniger vernachlässigt

Jede wissenschaftliche Arbeit beginnt damit, dass der Autor relevante und aktuelle Literatur zum Thema recherchiert. Schon auf den ersten Blick in den Report wird aber klar: Die Literatur, die er angibt, trägt kaum dazu bei, Inhalte argumentativ abzusichern und die Grundlage für Thesen zu schaffen. Das zeigt sich auch im Umfang des Literaturverzeichnisses. Waren dort in den vorherigen Reporten bis zu 150 Publikationen aufgeführt, sind es nun lediglich 16. Und der Report verweist im Text nicht einmal auf alle dieser Quellen.

Bericht behauptet: „Modellvorhaben beschleunigen Ausgabenanstieg“

Da ist es wenig verwunderlich, dass der Bericht mit Aussagen aufwartet, die nicht wissenschaftlich untermauert sind. So heißt es im Report, es sei zu befürchten, dass Modellvorhaben im Zusammenhang mit Heilmittel-Blankoverordnungen einen „ohnehin drohenden Ausgabenanstieg noch weiter beschleunigen“. Diese Verordnungen erlauben es Therapeuten, Art und Frequenz von Heilmitteln für bestimmte Indikationen selbst bestimmen. In der berufspolitischen Diskussion gelten sie vielen als die Vorstufe zum Direktzugang, den Therapeuten in einigen Ländern bereits erfolgreich praktizieren.

Zum Direktzugang betrachtete das ehemalige Autorenteam des Heil- und Hilfsmittelreport bereits im Jahr 2009 die einschlägige Literatur. Ihr Fazit: Behandlungsepisoden waren bei einem Direktzugang kürzer und günstiger als die Regelversorgung mit ärztlicher Überweisung. Zudem beobachteten die Forscher eine höhere Patientenzufriedenheit, weniger Arztkontakte und eine eher leitlinienorientierte Behandlung. Die Schlussfolgerung aus der wissenschaftlichen Literatur müsste also lauten: Durch den Direktzugang kann die Versorgung effektiver und effizienter werden.

Report bauscht vermutliche Kodierfehler in der Podologie auf

Auch an anderer Stelle sieht es so aus, als träfe der Bericht eine feststehende Aussagen, ohne die Ergebnisse literaturgestützt zu diskutieren: im Bereich der Podologie, die Ärzte nachweislich immer noch zu selten verordnen.

Der Report weist darauf hin, dass podologische Leistungen zu einem Teil entgegen der Leistungspflicht der GKV verordnet würden – dass also Verordnungen für Indikationen vorliegen, für die die Kassen die Behandlungen nicht übernehmen. Grundlage für diese Aussage eine Tabelle (Tabelle 19), die Indikationen für podologische Leistungen auflistet. Ihr zufolge gehen 13 (!) von 18.176 Leistungen auf Erkrankungen des Nervensystems zurück und nicht auf das „Diabetische Fußsyndrom“, das podologische Verordnungen zulässt.

Bei einem derart geringen Anteil falscher Verordnungen handelt es sich vermutlich eher um Kodierfehler. Jeder, der grundlegende Literatur zum Thema gelesen hat, wie die „Gute Praxis Sekundärdatenanalyse“ (2012/2014), erkennt das sofort. Die Autoren des Reportes scheinen zudem vergessen zu haben, dass Diabetes mellitus mit peripheren Nervenläsionen der Füße einhergehen kann.

Methoden bleiben schleierhaft

Wissenschaftler, die akkurat und korrekt arbeiten, erläutern detailliert die wissenschaftlichen Methoden, die sie verwenden. Nur so können andere Forscher und interessierte Leser – wie Politiker – nachvollziehen, wie die Analysen zustande gekommen sind.

Die Autoren halten sich hier sehr zurück – was bei erfahrenen Wissenschaftlern mindestens ein Stirnrunzeln auslöst. Auf Seite 53 beispielsweise heißt es: „Die Tabelle 11 zeigt die Kosten gewichtet nach den Marktanteilen der BARMER GEK in den einzelnen Bundesländern (und standardisiert nach Alter und Geschlecht).“ Weder im Zusammenhang mit der genannten Tabelle noch im lediglich dreiseitigen Methodenteil erläutert der Bericht, was es mit dieser Gewichtung der Marktanteile auf sich hat. Dabei ist diese Kostenberechnung entscheidend für eine der Kernthesen des Reports: Ärzte würden in Regionen mehr verordnen, in denen es auch immer mehr Heilmittelerbringer gebe. Daraufhin werfen die Autoren die Frage auf, ob das an einer „angebotsinduzierten Nutzung“ von Heilmitteln liegt. Sie deuten damit also an, dass Ärzte dort nur deswegen mehr verordnen, weil es ein größeres Angebot seitens der Therapeuten gibt.

Schlampiges Handwerk: Rechenfehler…

Zu den handwerklichen Fehlern gehören falsche Berechnungen, die auch ohne Taschenrechner erkennbar sind. Zum Beispiel heißt es: „Mehr als 50 Prozent der Leistungen in der Physiotherapie werden aufgrund von Erkrankungen der Wirbelsäule verordnet, 52 Prozent der Leistungen resultieren aus Unfällen“ (S.51).

Außerdem setzt der Bericht die Anzahl der Leistungserbringer mathematisch in Bezug zur Einwohnerzahl – das ist nicht korrekt, denn die Kasse kann die Gesamtzahl der Therapeuten nicht verlässlich beziffern. Ihr liegt allenfalls die Anzahl der Leistungserbringer vor, die für Versicherte der Barmer GEK Therapien durchführen.

…und erfundene Daten

Ein weiteres Beispiel ist die angeblich über fünfzigprozentige Unterversorgung mit Physiotherapie (S.60). Diese Aussage macht der Bericht an einer Tabelle mit dem Titel „Versorgungsquoten bei Indikation Physiotherapie“ (S.59) fest. Er nimmt als Grundlage also Indikationen her – doch auch dazu können der Barmer GEK gar keine verlässlichen Daten vorliegen.

Denn eine Indikation lässt sich nicht einfach mit einer klar abgegrenzten Diagnose gleichsetzen. Die Heilmittelrichtlinie definiert sie vielmehr als „Verordnungsfähigkeit“ (Paragraf 3, Absatz 4). Sie ergibt sich aus einer Gesamtbeurteilung der funktionellen und strukturellen Schädigungen, der Fähigkeitsstörung und individueller Kontextfaktoren (Paragraf 3, Absatz 5). Die Quote der Indikationen können die Autoren auf keinen Fall aus den Abrechnungsdaten ablesen – diese Herleitung ist also mehr Wahrsagerei als ernstzunehmende Wissenschaft.

Transparenz scheint kaum durch

Laut Autoren ist Transparenz das zentrale Thema und wichtigstes Ziel des Reports. Dieses Ziel erreicht der Bericht offenkundig schwerlich – das zeigen die vielen Fragen und Zweifel am wissenschaftlichen Arbeiten, die seine Analysen aufwerfen.

Allein die Botschaft über die „angebotsinduzierte Nutzung“ lässt darauf schließen, dass die Barmer GEK die Ergebnisse vor allem ihren Interessen entsprechend darstellt. Ein solcher Beitrag zur Versorgungsforschung ist der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz: Er betreibt Propaganda für die Krankenkassen, mit wissenschaftlichem Anstrich. Darauf kann das Gesundheitswesen getrost verzichten. Eine inhaltlich und methodisch verlässliche und qualitativ hochwertige Versorgungsforschung für den Heilmittelbereich bleibt also weiterhin aus.

Bildnachweis: BARMER GEK

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