Heilmittel-Workshop Berlin 2019

vom: 23.05.2019

So lief der gemeinsame Workshop von Therapeuten, Verbänden, Krankenkassen und Politik in Berlin

Auf Einladung von Dr. Roy Kühne (CDU), MdB und Physiotherapeut, trafen sich Vertreter der Heilmittelbringer, der Krankenkassen und aus der Politik, um gemeinsam über die Zukunft der Heilmittelbranche zu diskutieren. Die Veranstaltung fand im Rahmen eines World-Café-Workshops statt, bei dem wechselnde Kleingruppen jeweils in drei Runden zu den Themen „Nachwuchs“, „Wirtschaftlichkeit“ und „Zukunft“ Fragestellungen und Lösungsansätze erarbeiteten.

Begrüßungen

Ulrike Elsner begrüßt die Teilnehmer in den Räumen des vdek in Berlin

Alle maßgeblichen Akteure aus der Heilmittelszene sowie der Politik haben sich zum Heilmittelworkshop eingefunden und werden von Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende vdek, begrüßt. Die Heilmitteltherapie sei ein wichtiger Baustein für die Versorgung der Patienten, besonders im Hinblick auf Versorgungsketten. Denn auch in einem Arzt- oder Krankenhaus-zentrierten Gesundheitssystem ist es wichtig, dass die anschließende Versorgung garantiert und auf einem hohen Qualitätsniveau stattfindet. „So ein Treffen wie heute ist auch gelebte Vertragspartnerschaft“, sagt Elsner. „Wir brauchen die Politik, um einen Rahmen zu setzen, aber wir sind gut beraten, auch als gemeinsame Selbstverwaltung dafür zu sorgen, diesen Rahmen auszugestalten.“ Ziel des Workshops solle sein, sich auch außerhalb der Verhandlungen konkret mit den Themen zu beschäftigen, die der Gesetzgeber nun auf den Weg gebracht hat.

Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke, freut sich darauf, die Stimme der Therapeuten zu hören

Prof. Dr. Claudia Schmidtke, MdB (CDU), Ärztin und Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten erinnert in ihrer Begrüßung an das HHVG – aber auch an den aktuell vorherrschenden Fachkräftemangel, das abschreckende Schulgeld und die schlechten Gehaltsaussichten – an das TSVG mit seinen Honorarverbesserungen für die Therapeuten sowie der Blankoverordnung. Sie weist zudem darauf hin, dass es eine kostenfreie Ausbildung geben muss, um junge Menschen für den Beruf zu begeistern. Das Bundesgesundheitsministerium erarbeite gerade zusammen mit den Ländern an einem Gesamtkonzept für eine Reform der Gesundheitsfachberufe. Kern dieser Reform sind bedarfs- und praxisorientierte Strukturen, aber auch die Schulgeldfreiheit sowie eine Ausbildungsvergütung. Der Workshop kommt also zur richtigen Zeit, um die Stimme der Therapeuten bezüglich der beschlossenen Maßnahmen zu hören und zu erfahren, was sie sich für eine praxisorientierte Umsetzung wünschen.

Dr. Roy Kühne wünscht sich konkrete Lösungsvorschläge, auf die die Politik eingehen kann

Bei den Therapeuten gibt es trotz vieler Errungenschaften der Politik noch immer Schuhe, die drücken, sagt Dr. Roy Kühne bei seiner Begrüßung. Ziel des Workshops solle sein, herauszufinden, was die Branche möchte, sodass die Bundesregierung auf dieser gemeinsamen Grundlage in Zukunft weitere Entscheidungen treffen kann. „Ich freue mich auf konkrete Lösungsvorschläge und möchte gerne mit weniger Problemen hier herausgehen, als wir hereingekommen sind.“

Joachim Becker (BMG) formuliert seine Erwartungen an die Teilnehmer

„Ich möchte darauf eingehen, was wir von Ihnen erwarten“, sagte Joachim Becker, Abteilungsleiter für Gesundheitsversorgung und Krankenversicherung im Bundesgesundheitsministerium zu Beginn seiner Ansprache. Es gebe drei Blöcke, die das Bundesministerium für Gesundheit interessieren, um Gesetze auf den Weg zu bringen: Das große Thema Vergütung, dann weiter Arbeitsbedingungen, also welche Hürden es gibt und welche abgebaut werden können, sowie die Befugnisse der Therapeuten, etwa der Direktzugang. „Wir sind ja immer die einzig Objektiven in diesem System“, so Becker, „und müssen dann die einzelnen Vorschläge gegeneinander abwägen und zu einem Ergebnis bringen.“

So wird der Workshop ablaufen

Jan F. Hortig stellt die Spieregeln des Workshops vor. Es gibt sechs Tische, an denen je ein Gastgeber sitzt, der während des gesamten Prozesses an seinem Tisch bleibt. Alle anderen Gesprächspartner wechseln nach jeder Runde die Tische. Pro Tisch soll je nur ein Teilnehmer eines jeden Players sitzen. Während der Gespräche sollen die einzelnen Gruppen Fragestellungen und Lösungen erarbeiten – zum Beispiel wer die nächsten Schritte zu den bundeseinheitlichen Preisen sowie den Regionalisierungsfaktoren in Angriff nehmen soll.

Impulsvortrag Runde 1:

Räbinger: Nachwuchs

Frau Prof. Dr. Jutta Räbinger, Vorstandsmitglied im Hochschulverbund Gesundheitsfachberufe e.V. (HVG), leitet mit einen Impulsvortrag zum Thema „Nachwuchs“ die erste Runde ein. Darin geht es um die schulische versus hochschulische Ausbildung von Therapeuten. Es solle finanzielle Anreize geben, um die sinkenden Schülerzahlen zu stoppen.

Aktuell haben 60 bis 90 Prozent der Ausbildungsanfänger eine Hochschulzugangsberechtigung. Seit zehn Jahren ist zudem die Ausbildung an Hochschulen als Modellstudiengang möglich. Der Anteil der Ausbildungsanfänger beträgt hier aktuell nur etwa fünf Prozent – die Nachfrage steigt jedoch. HVG und der Verbund für Ausbildung und Studium in den Therapieberufen sprechen sich für eine Vollakademisierung mit einer Übergangszeit von zehn bis 15 Jahren aus. Ziel ist die gleiche Qualifikation aller Therapeuten sowie sich den Standards in der EU anzupassen. Zudem könne nur an Hochschulen Forschung betrieben werden, es sollen bessere Einkommens- und Aufstiegschancen entstehen sowie die Grundlage für einen Direktzugang und Blankoverordnungen gelegt werden.

Arbeitsgruppen Runde 1:

Ergebnisse zur Frage: „Was muss in den nächsten 3 – 5 Jahren passieren, damit der Nachwuchs bleibt/kommt?“

Ihre Antworten zur Frage, hielten die Teilnehmer auf Posterwänden fest. Nach 20 Minuten wechselten die Teilnehmer die Arbeitstische und befassten sich mit der Frage, wer für die nächsten Schritte zuständig ist. Auch diese Ergebnisse hielten sie schriftlich fest.

Impulsvortrag Runde 2:

Elsner: Unser täglich Brot…

In dem Impulsvortrag von Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende vdek, ging es um vier Bereiche rund um das Thema Wirtschaftlichkeit:

  1. Gesetzliche Entwicklung: Der Bereich der Heilmittel ist in den letzten Jahren in den Fokus geraten und es ist gelungen, im Gesetzgebungsverfahren maßgebliche Regeln mit aufzunehmen, wie das Versorgungsstärkungsgesetz, die Bildung der Preisuntergrenze, das HHVG mit der Aufhebung der Grundlohnsummenanbindung bis 2019 und nun das TSVG.
  2. Bundesweite Preisanpassungen: Laut Elsner profitieren die großen Praxen am meisten von den Neuerungen, kleine hingegen kaum. Die Herausforderung ist nun in den Verträgen 2020 dafür zu sorgen, dass das Geld auch bei den Therapeuten ankommt.
  3. Umsetzung Blankoverordnung: Hier gibt es noch viele offene Fragen, zum Beispiel: Welche Indikationen sind sinnvoll? Und: Wie können spezifische Vergütungssysteme aussehen?
  4. Neues Verfahren im Zulassungsbereich: Es soll nur noch eine Stelle für Zulassungen geben und somit weniger Bürokratie. Elsner strebt zudem eine Digitalisierung an, indem Zulassungen über ein Online-Portal möglich sein sollten. Sie plädiert dafür, die Kraft der Selbstverwaltung zu nutzen, um der Politik zu zeigen, dass diejenigen, die nah an der Versorgung der Patienten arbeiten, untereinander Regelungen finden.

Arbeitsgruppen Runde 2:

Ergebnisse zur Frage: „Was aus dem TSVG genau muss umgesetzt werden und was fehlt noch?“

Das TSVG ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, löst aber noch lange nicht alle Probleme der Heilmittelbranche. So beschäftigten sich die Teilnehmer in Runde zwei mit der Frage, welche Vorgaben aus dem TSVG es nun umzusetzen gilt, aber auch damit, was noch fehlt. Im Anschluss daran verteilten sich die Teilnehmer wieder neu und diskutierten um die Zuständigkeiten für die nächsten Schritte. Die Ergebnisse zeigt die Fotodokumentation.

Impulsvortrag Runde 3:

Höppner: Und jetzt?

„Die Gesundheitsversorgung ist im Moment nicht abzusehen“, mit diesen Worten beginnt Prof. Dr. Heidi Höppner, Alice Salomon Hochschule Berlin, ihren Impulsvortrag. Sie stellt die Frage in den Raum: Für wen sind wir morgen eigentlich noch da? Was ist der Beitrag der Gesundheitsfachberufe zur Versorgung der deutschen Bevölkerung? Die Aufgaben sind nicht mehr nur national zu fassen, sondern international – beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt. Daher fordert Höppner die Politik auf, eine Entscheidung bezüglich der Akademisierung der Heilmittelberufe zu treffen, um langfristig die Qualität der Therapien zu sichern. Das Bildungssystem, wie es aktuell vorherrscht, versteht im Ausland keiner mehr.

Aktuell führe die Kompetenzentwicklung nicht dazu, die Kompetenz auch anwenden zu können. „Nicht der Bedarf schafft die Gesetze, sondern wir sind in einem Korsett, in dem wir kaum mehr atmen können“, sagt Höppner. Therapeuten brauchen Anerkennung, eine angemessene Vergütung, eine Perspektive und einen Gestaltungsspielraum. Um all diese Punkte in Zukunft zu bewegen, müsse die Akademisierung zeitnah eingeführt werden. Höppner sagt abschließend, man können mir den Instrumenten von heute nicht die Gesundheitsversorgung in 30 Jahren bewältigen – nicht mit den Köpfen von heute und auch nicht mit den Gesetzen.

Arbeitsgruppen Runde 3:

Ergebnisse zur Frage: „Was genau muss in den nächsten 5 – 10 Jahren passieren, damit Heilmittelerbringer Verantwortung für die Versorung tatsächlich übernehmen können?“

Inspiriert vom Impulsvortrag von Prof. Höppner wurden Handlungsfelder und Zuständigkeiten  intensiv diskutiert, und auch in der letzten Runde die Ergebnisse auf Posterwänden festgehalten.

Roy Kühne, MdB, schickt die Anwesenden mit vielen weiteren Denkanstößen zur Zukunft der Heilmittelbranche nach Hause

Dr. Roy Kühne setzt zum Ende der Veranstaltung noch einmal Impulse: Wie wäre es mit einer dualen Ausbildung? Die Vergütungsvereinbarungen aus dem TSVG kommen nicht bei den angestellten Therapeuten an. Woran liegt das? Dauert das vielleicht noch einfach ein paar Jahre? Wie sieht die Abrechnung von morgen aus? Sind Minutenpreise eine Option? Gehören Zertifikate zur Ausbildung? Wie sieht es mit der Regionalisierung aus? Wie steht es um die Entwicklung des Berufes?

Reaktionen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach der Veranstaltung

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Themen: Heilmittel-WS

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  • Eine wirklich großartige Initiative, die hoffentlich ihre Spuren hinterlassen wird.
    Zwar muss ich mir die Puzzleteile noch irgendwie zusammenfügen, da meine Ausbildung erst im Oktober beginnt, doch weiß ich trotzdem ihre Mühe und Arbeit im Namen aller angehenden Therapeuten wertzustschätzen!
    Danke, dass Sie diese Branche nicht zugrunde gehen lassen.

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