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Barrierefreie Praxis

Ein Upgrade in der Physiotherapie

INTERVIEW MIT:
Sonja Bohlen
Sonja Bohlen,
Physiotherapeutin und Osteopathin, Inhaberin der Physiopraxis Schoe in Dörpen
Christin Dickmann
Christin Dickmann,
Physiotherapeutin

Von Geburt an ist Christin Dickmann blind. Das hat sie nicht davon abgehalten, ihren Berufswunsch zu verwirklichen: Christin ist Physiotherapeutin. Wenn sie über den Praxisflur geht, merkt niemand, dass sie blind ist. Im Behandlungsraum aber ist Klartext angesagt: „Ich sage den Patientinnen und Patienten das vorher. Nicht, dass sie mir in der Behandlung zeigen wollen, wo sie Beschwerden haben. Oder mir ihre Schuhe in den Weg stellen.“ Mit ihren Patientinnen und Patienten arbeitet sie stark an deren Körperwahrnehmung und bekommt viel positives Feedback. Auch von ihrer Chefin Sonja Bohlen, für die es anfänglich überraschend war, dass man Gangbilder als blinder Mensch problemlos erstellen kann. Ein Upgrade für die Physiotherapie: In unserem Podcast sprechen die beiden über Christins Werdegang, über Reaktionen von Teamkolleginnen und -kollegen, über Vorteile der Digitalisierung und darüber, wie Fördergelder bei der Beschäftigung von Menschen mit Handicap schlau eingesetzt werden können. Kurz: Die barrierefreie Praxis als Modell gegen den Fachkräftemangel.

Weitere Infos:

Die Praxis von Sonja Bohlen

Inhalt dieser Podcastausgabe:

„Und dann ist Christin gekommen und hat sich bei mir eingehakt.“

Im Gespräch: up-Herausgeber Ralf Buchner mit der blinden Physiotherapeutin Christin Dickmann und Praxisinhaberin Sonja Bohlen über Barrierefreie Praxis

uppodcast-Episode vom 01.03.2023

 

uppodcast: Ich bin Ralf Buchner und ich freue mich, dass Ihr zuhört! Heute spreche ich mit Christin Dickmann – sie ist Physiotherapeutin und hat ein Handicap (welches, darüber reden wir gleich) – und mit ihrer Chefin, das ist Sonja Bohlen. Hallo, stellt Euch selbst am besten einmal vor!

Bohlen: Ich bin Sonja Bohlen, habe seit fast zehn Jahren eine Physiotherapiepraxis im Emsland im schönen Dörpen und Christin ist seit dem 1.5.22 als Verstärkung im Team dabei.

Dickmann: Ich bin Christin. Ich bin von Geburt an blind und habe selber von klein auf Bobath-Therapie bekommen. Und meine Therapeutin hat mir damals erzählt, dass sie ab und an die Augen zumacht, um sich mehr auf das Gespür zu konzentrieren. So habe ich schon mit zehn oder elf Jahren beschlossen, dass ich das später auch machen möchte.

uppodcast: Das finde ich ambitioniert. Ich kenne das, dass wir früher oft sehbehinderte Masseure hatten in den Therapieberufen. Aber dass man eine Physiotherapieausbildung absolvieren kann, ohne lesen zu können… das stelle ich mir schwierig vor. Also, wie macht man eine Ganganalyse, wenn…

Dickmann: Das ist witzig, das ist immer die erste Frage mit der Ganganalyse. Aber Nicht-Lesen-Können ist ja in dem Sinne falsch. Ich kann keine Schwarzschrift lesen, aber Braille-Schrift. Und ich arbeite seit der 3. Klasse am Laptop, ab der 5. Klasse war ausschließlich alles digital. Der Laptop hat eine Software, die mit mir spricht, und es ist eine Zeile am PC angeschlossen, wo dann die Punkte hochploppen, wo man dann auch nochmal die Punktschrift selber mit den Fingern lesen kann. Und so kann man dann auch die Schullaufbahn und die Ausbildung absolvieren.

uppodcast: Wie lernt man Anatomie, ohne dass man Bilder sehen kann?

Dickmann: Ganz viel am Modell, am Skelett oder an sich selbst. Und es geht alles über die Hände. So ist es eben auch mit der Ganganalyse, wobei man da auch viel übers Gehör machen kann. Ich habe meine Ausbildung am Berufsförderungswerk in Mainz gemacht. Die haben sich auf Blinde und Sehbehinderte spezialisiert und natürlich ihre Tipps und Tricks entwickelt, wie man das am besten machen kann mit wenig oder keiner Sehkraft. Dann fasst man mal am Becken an und geht hinterher, dann fasst man am Knie an und geht nebenher. Dann macht man mal nur einen einzelnen Schritt und fasst dabei am Sprunggelenk an – oder lässt den Patienten drei- viermal den Gang hoch- und runterlaufen und hört nur zu. So kann man das dann machen. Ich hatte einen blinden Dozenten, der ist voll bind und ist auch Osteopath. Der hat tatsächlich hauptsächlich übers Gehör gemacht – der hat Sachen gehört, das war Wahnsinn.

uppodcast: Und ist das die gleiche Ausbildung wie Sonja sie hat? Oder ist das eine andere?

Dickmann: Nein. Das lief auch mit Sehenden zusammen.

uppodcast: Du hast die Prüfung bestanden und Dir einen Job gesucht. War das schwierig?

Dickmann: Nee. Für mich war immer klar, ich gehe wieder ins Emsland. Und ich hatte vorher schon von Praxen gehört, die sehr offen waren. Ich bin dann erstmal nach Haren gegangen, dort kannte ich eine Praxis. Dort hatte ich ein Angebot bekommen, und weil die Chefin dort auch Osteopathin ist und ich in den Cranio-Bereich mit reinwollte. Da habe ich mir gesagt: „Hier kann ich viel lernen“. Und dann hatte sich die Jobsuche schon erledigt.

uppodcast: Dann bist Du zu Sonja gewechselt?

Dickmann: Ja, nach etwa zwei Jahren, aus diversen Gründen. Dörpen und Haren liegen etwa 25 Kilometer auseinander, und ich musste immer gefahren werden. Das war eine große Belastung, weil es eine große Abhängigkeit bedeutet hat, und ich versuche doch immer, möglichst unabhängig zu sein. Außerdem war da das Praxisprogramm für mich nicht nutzbar, und die Praxis hat auch alles mit Karteikarten dokumentiert, nicht digital – so musste ich immer eng mit der Rezeption zusammenarbeiten, und auf Dauer wollte ich lieber selber zur Arbeit gehen können…außerdem stand an, einen Blindenhund zu bekommen. Da wollte ich alles vor Ort haben.

uppodcast: Sonja, Du hast gehört, da ist eine, die ist Physiotherapeutin, die sucht einen Job und die möchte bei Dir arbeiten. Hast Du Deine Praxis da mit anderen Augen gesehen?

Bohlen: Ja, ich habe genau das, was man klischeemäßig denkt, gedacht: „Masseurin, klar. Aber Wackelbrett, Ganganalyse und so weiter?“ Das waren natürlich genau auch meine Fragen. Und dann ist Christin gekommen, hat sich bei mir eingehakt, und dann haben wir gleich gesagt, wir müssen da ganz offen sein. Ich habe dann bei meinen nächsten Patienten, die ich behandelt habe, genau darauf geachtet und mich gefragt: „Wie macht man das blind?“. Aber naja – die hatte eine Bombenabschluss…und so habe ich gesagt, okay.

uppodcast: Okay, das war inhaltlich. Aber Deine Praxis war bestimmt noch nicht barrierefrei, oder?

Bohlen: In Bezug auf Christins Behinderung vielleicht so ein Jein. Aber von den Therapieräumen her war das eigentlich okay, vielleicht stand mal ein Stuhl zuviel im Raum.

Dickmann: Barrierefreiheit ist ja auch ein riesengroßer Begriff. Es gibt ja sehr viele unterschiedliche Handicaps und unterschiedliche Barrieren, die auch sehr individuell sein können. Bei blinden Menschen zum Beispiel ist etwa eine Stufe kein Problem. Man kommt heil hoch und runter, muss sich nur die Struktur des Gebäudes merken und die Orientierung haben. Und wichtig ist, dass Sachen immer an Ort und Stelle stehen.

uppodcast: Also Deine Anwesenheit sorgt dafür, dass alle ihre Sachen ordentlicher wieder wegräumen. Was habt Ihr gemacht an der Praxis? Gab es bauliche oder technische Veränderungen?

Bohlen: Baulich tatsächlich nichts, aber wir sind in Ruhe alle Räume einzeln durchgegangen, des Öfteren. Und sie hat ihren festen Therapieraum bekommen, d.h., wenn Patienten mit Fango kommen mit anschließender Behandlung, dann ist es nicht so, dass die dann in dem Fango-Raum bleiben, sondern dann umziehen müssen. Technisch musste schon was passieren. Wir hatten schon bereits alles vollständig digitalisiert, aber das Programm musste noch angepasst werden. Bei Christin fällt hier nicht auf, dass sie ein Handicap hat.

Dickmann: Ich sage das den Patient:innen auch immer. Denn ich laufe hier frei herum, und weil meine Augen sich immer bewegen, merken das nicht alle Patient:innen sofort. Ich sage denen dann, dass es zum Beispiel nicht so gut ist, wenn sie mir ihre Schuhe in den Weg schmeißen oder sagen: „Ich habe hier das und das Problem“.

uppodcast: Aber eigentlich müsste das ja eine Verbesserung der Therapie bedeuten, in Sachen Compliance. Die Patient:innen müssen dann ja viel besser beschreiben, was sie haben.

Dickmann: Genau. Ich arbeite ganz viel mit Körperwahrnehmung. Ich möchte, dass die Patient:innen lernen, sich zu spüren und mit ihrem Körper umzugehen.

uppodcast: Ein Upgrade der herkömmlichen Physiotherapie.

Dickmann: Genau, und da habe ich auch schon ganz viel positives Feedback bekommen.

uppodcast: Kannst du auch KG-Gerät anleiten?

Dickmann: Nee, ist nicht meins. Gibt aber viele Blinde, die das machen.

uppodcast: Sonja, wie haben denn die anderen Mitarbeiter:innen reagiert?

Bohlen: Ich habe denen das mitgeteilt, und alles so: „Okay“… Die haben genauso gerattert wie ich. Und die hatten alle Sorge, dass sie dem nicht gerecht werden können. Die wollten helfen – weil sie nicht wussten, was auf sie zu kommt. Aber es lief alles wirklich gut an.

uppodcast: Wenn man jemanden mit Einschränkungen anstellt, dann gibt es ja sowas wie Eingliederungszuschuss als Zuschuss zum Arbeitsentgelt. Nimmst du sowas in Anspruch?

Bohlen: Was wir in Anspruch nehmen, ist Folgendes: Wir haben die Taktung bei Christin nicht auf 20 Minuten, sondern 30 Minuten festgelegt für die KG, sodass etwas Puffer da ist. Und diese Fördermöglichkeit, die dann da ist, habe ich so umgesetzt, dass diese zehn Minuten Puffer, die da sind – das wäre ja eigentlich traurige Zeit, in der keine Einnahme in der Zeit da ist. Und das ist im Prinzip umgerechnet das, was ich als Ausgleich bekomme, sodass sie auch von ihrem Lohn gleichgestellt ist mit anderen Therapeuten. Wobei der Umsatz ja nicht so hoch ist wie bei den anderen Therapeuten, weil sie die Taktung nicht so eng gestrickt hat.

uppodcast: …ein Drittel weniger Umsatz.

Bohlen: Die Alternative wäre gewesen, die Taktung hochzusetzen und Christin immer eine Assistenz an die Seite zu stellen. Aber uns war klar, wir möchten die Eigenständigkeit großschreiben. Und so haben wir uns auf diese 30-Minuten-Taktung geeignet. Und das nehmen wir als Fördergeld in Anspruch, mehr brauchen wir nicht.

 

Das ganze Gespräch bekommst Du mit, wenn Du die Folge anhörst!

 

 

 

 

 

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